Theoretische Grundlagen zur Hermeneutik und Sequenzanalyse: Unterschied zwischen den Versionen

Aus kollaboratives online-Interpretieren
Wechseln zu: Navigation, Suche
Zeile 1: Zeile 1:
== Sequenzanalyse (SQ) in der Hermeneutik ==
+
__TOC__
* Begriff bedeutet im Kern erst einmal, dass Daten anlang ihrer zeitlichen Entstehung, also chronologisch, interpretiert werden
+
== Was ist die Sequenzanalyse? ==
* d.h. es sind keinesfalls Daten aus einem späteren Zeitpunkt zu nutzen um einen früheren Zeitpunkt zu erklären
+
Die Sequenzanalyse ist eine qualitative Methode der Hermeneutik. Ihr vorrangiges Ziel ist die Rekonstruktion von handlungsgenerierenden Regeln, bzw. die (Re)Konstruktion der sozialen Bedeutung von Handlungen. Also dem Finden einer Sinnfigur / latenten Struktur aus dem Text heraus, mit deren Hilfe soziales Handeln erklärt werden kann. Dabei wird angenommen, dass die handelnden Subjekte selbst nur in Ausnahmefällen die volle Bedeutung ihrer Handlung kennen.  
* Ziel: Die Rekonstruktion der handlungsgenerierenden Regeln oder die (Re)Konstruktion der sozialen Bedeutung von Handlungen. Also dem Finden einer Sinnfigur / latenten Struktur aus dem Text heraus, mit deren Hilfe soziales Handeln erklärt werden kann. Dabei wird angenommen, dass die handelnden Subjekte selbst nur in Ausnahmefällen die volle Bedeutung ihrer Handlung kennen.
+
Im Kernstück der Sequenzanalyse ist die chronologische Vorgehensweise, d.h. Daten werden anlang ihrer zeitlichen Entstehen, chronologisch, interpretiert. Zu keiner Gelegenheit sind dabei Daten aus einem späteren Zeitpunkt zu nutzen, um einen Früheren zu erklären. Ihr zugrunde liegt die interaktionistische Strukturanalyse. a) Der interaktionistischen Aspekt. Die Lebenspraxis zwingt den Akteur zu Handlungen, ohne dass für die konkrete Handlung selbst eine Begründung bekannt ist. Das Handeln gilt also nicht als vornherein determiniert, deswegen ist ein permanentes Entstehen neuer Handlungen möglich. b) Der Struktur Aspekt. Auch wenn neue Handlungen prinzipiell jederzeit entstehen können, bedeutet das nicht, dass diese als Zufällig anzusehen sind. Die Produktion neuer Handlungen vollzieht sich anhand sozial vorgedeuteter Bahnen, welche generell rekonstruierbar sind. Weiterhin ist zu beachten, dass die Sequenzanalyse lediglich für Einzelfälle nutzbar ist. Standardisierte und großflächige Erhebungen werden aus methodologischen Gründen abgelehnt, dabei ist ein radikales und unvoreingenommenes sich-einlassen auf den Fall nötig.
* SQ wird vor allem dann verwendet, wenn es um Deutung der Tiefendimension geht
 
* Da die SQ als aufwendig und unpraktisch gilt, verlässt man den Raum alltagsweltlicher Interpretation. Dabei wird die SQ ein Werkzeug zur “Zerstörung der eigenen Vorurteile während der Interpretation”, da eine strikte Analyse dazu führt, alle geltenden “Vorurteile, Urteile, Meinungen und Ansichten in der Regel schnell zusammenbrechen”
 
* Dennoch ist es wichtigen, mit soziologischem Blick auch den Vorgang des eigenen Deutens zu betrachten: Interpretative Soziologie ist auch immer die Soziologie des Interpretierens.
 
* SQ wird mit einer interaktionistischen Strukturanalyse begründet.
 
* interaktionistisch: Lebenspraxis zwingt zu Handlungen, ohne dass für die konkrete Handlung bereits eine Begründung bekannt ist. Handeln gilt also in Lebenspraxis nicht als vornherein determiniert, daher permanentes entstehen neuer Handlungen möglich.
 
* Struktur: Produktion neuer Handlungen vollzieht sich anhand sozial vorgedeuteter Bahnen, welche rekonstruierbar sind. realisiert sich in der sequentiellen Anordnung ihrer Äußerungen
 
* Nur Einzelfallanalysen. Standardisierte und großflächige Erhebungen werden aus methodologischen Gründen abgelehnt.
 
  
== Voraussetzung für empirisches Vorgehen (Prinzipien der SQ) ==
+
== Warum Sequenzanalyse? ==
* Bedeutung wird regelgeleitet von den Mitgliedern einer Sprach- und Interaktionsgemeinschaft produziert. D.h. Wer Mitglied einer solchen Gemeinschaft ist, kann sowohl Bedeutung gültig konstruieren, als auch Rekonstruieren. Günstig dabei hat sich die gemeinsame Interpretation erwiesen (Prinzip der Gruppeninterpretation)
+
Die Sequenzanalyse wird vor allem dann verwendet, wenn es um die Deutung der Tiefendimension/der latenten Strukturen geht. Der Vorteil dieser herangehensweise liegt in der Aufwendigkeit und Unhandlichkeit der Methode. Was zunächst Paradox klingt, führt uns, wenn strikt durchgeführt wird, zur “Zerstörung der eigenen Vorurteile” und weg vom Raum alltagsweltlicher Interpretation. So brechen alle geltenden Vorurteile, Urteile, Meinungen und Ansichten in der Regel schnell zusammen. Jedoch bleibt es wichtig, den Vorgang des eigenen Deutens mit soziologischem Blick selbst zu betrachten. Denn, Interpretative Soziologie ist auch immer die Soziologie des Interpretierens.
* Bei der Interpretation ist der Handlungsdruck aufzulösen, d.h. die Analyse findet ohne Zeitdruck statt (Prinzip der Entlastung vom Handlungsdruck)
 
* Im zu analysierenden Text gilt kein Detail als unwichtig oder zufällig. (Prinzip der Totalität)
 
* Interpretation wird Zug um Zug vollzogen (Prinzip der Sequentialität)
 
* SQ benötigt Radikales und unvoreingenommenes sich-einlassen auf den Fall
 
* Kontextwissen über die Persönlichkeitsstrukturen der Beteiligten sind auszublenden (Prinzip der Kontextfreiheit)
 
  
== Vorgehen bei der SQ ==
+
== Voraussetzung für empirisches Vorgehen (Prinzipien der Sequenzanalyse) ==
* Simples Vorgehen: Öffnen des Interaktionsprotokolls und beginnen mit der Interpretation der ersten Einheit
+
Die Bedeutung von sozialen Interaktionen wird regelgeleitet von den Mitgliedern einer Sprach- und Interaktionsgemeinschaft produziert. Wer Mitglied einer solchen Gemeinschaft ist, der kann Bedeutung sowohl gültig Konstruieren, als auch Rekonstruieren. Als Begünstigend hat sich dabei die gemeinsame Interpretation erwiesen (Prinzip der Gruppeninterpretation). Die Interpretation selbst sollte abseits von einer gewissen zeitlichen Komponente vollzogen werden. Der Handlungsdruck der Interpretierenden gilt aufgelöst zu werden, d.h. die Analyse findet ohne Zeitdruck statt (Prinzip der Entlastung vom Handlungsdruck). Das zu interpretierende Material ist in seiner gesamtheit wahrzunehmen. Es ist anzunehmen, dass kein Detail im zu analysierenden Text als unwichtig oder gar zufällig gilt (Prinzip der Totalität). Die Interpretation selbst wird Zug um Zug, also Sequenz für Sequenz, vollzogen (Prinzip der Sequentialität). Außerdem ist Kontextwissen über die Persönlichkeitsstruktur der Beteiligten auszublenden (Prinzip der Kontextfreiheit).
* Was dabei als Sequenz, bzw. als Einheit festgelegt wurde gilt als sekundäres Problem.
+
 
* Leseartenproduktion: Beginn der Interaktion betrachten und gedankenexperimentell für diesen turn möglichst viele Kontextbedingungen zu entwickeln, welche die Äußerungen verständlich und pragmatisch sinnvoll erscheinen lassen. Leseart = sinnergebende Geschichte. Lesearten repräsentieren unterschiedliche Aktualisierungen von Handlungsregeln und deren Geltungsbedingungen
+
== Vorgehen bei der Sequenzanalyse ==
* Explikation der Handlungsregeln: Die pragmatischen Implikate der einzelnen Geschichten sind nun auszubuchstabieren. Ziel ist das Aufzeigen des gesamten möglichen Handlungsraum des Handlungssystems. “Je ausführlicher die latente Sinnstruktur des ersten Interakt bestimmt worden ist, desto deutlicher und konturierter läßt sich in der sequentiellen Analyse das den Fall abdeckende, spezifische Interaktionsmuster herauskristalisieren.” (Oevermann et al. 1979, S.420)
+
Die generelle Vorgehensweise beschreibt sich sehr simpel: Man nehme das zu interpretierende Transkript, bzw. Material und beginnt mit der Interpretation der ersten Einheit. Was dabei als eigentliche Interpretationseinheit, oder Sequenz, festgelegt wurde gilt eher als ein sekundäres Problem. Bei der Interpretation gilt es verschiedene Lesearten zu produzieren: Der Beginn der Interaktion wird betrachtet und gedankenexperimentell möglichst viele Kontextbedingungen entwickelt, die die Äußerungen verständlich und pragmatisch sinnvoll erscheinen lassen. Als Leseart kann man so gesehen “sinnergebende Geschichten” verstehen. Lesearten repräsentieren unterschiedliche Aktualisierungen von Handlungsregeln und deren Geltungsbedingungen.
* Überprüfung der Handlungsregeln, Ausschluss von Lesearten: Welche Regeln wurden tatsächlich verwirklicht, welche wurden abgewählt? Aufschlussreich dabei nicht allein, welche Lesearten sich als kompatibel mit dem gegebenen Kontext erweisen, sondern auch, welche Handlungsmöglichkeiten am ende ausschieden.
+
In einem nächsten Schritt werden die implizierten Handlungsregeln der einzelnen Lesearten nun expliziert ausbuchstabiert. Ziel hier ist das Aufzeigen des gesamten möglichen Handlungsraumes des Handlungssystems. “Je ausführlicher die latente Sinnstruktur des ersten Interakt bestimmt worden ist, desto deutlicher und konturierter läßt sich in der sequentiellen Analyse das den Fall abdeckende, spezifische Interaktionsmuster herauskristalisieren.” (Oevermann et al. 1979, S.420)
* Als nächstes wird sich der nächsten Sequenz gewidmet und das vorgehen wird wiederholt: Leseartproduktion, Explikation der pragmatischen Implikationen, Vergleich mit empirischer Realisierung, Ausschluss von Lesearten
+
Im letzten Schritt werden die aufgestellten Regeln überprüft und falls möglich ausgeschlossen. Wichtig ist hier die Frage danach, welche Regeln tatsächlich verwirklicht wurden, und welche nicht. Aufschlussreich für das Material ist hierbei nicht allein, welche Lesearten sich als kompatibel mit dem im Material gegebenem Kontext erwiesen haben, sondern gerade, welche am Ende ausschieden. Anschließend wird sich der nächsten Sequenz gewidmet und das Vorgehen wird wiederholt: Leseartproduktion, Explikation der pragmatischen Implikationen, Vergleich mit empirischer Realisierung, Ausschluss von Lesearten. Dabei werden nur Lesearten verfolgt, die sich auch mit vorherigen Sequenzen kompatibel erweisen haben. Über Zeit werden die aufgestellten Lesearten nach und nach ausgesiebt.

Version vom 28. Februar 2018, 14:26 Uhr

Was ist die Sequenzanalyse?

Die Sequenzanalyse ist eine qualitative Methode der Hermeneutik. Ihr vorrangiges Ziel ist die Rekonstruktion von handlungsgenerierenden Regeln, bzw. die (Re)Konstruktion der sozialen Bedeutung von Handlungen. Also dem Finden einer Sinnfigur / latenten Struktur aus dem Text heraus, mit deren Hilfe soziales Handeln erklärt werden kann. Dabei wird angenommen, dass die handelnden Subjekte selbst nur in Ausnahmefällen die volle Bedeutung ihrer Handlung kennen. Im Kernstück der Sequenzanalyse ist die chronologische Vorgehensweise, d.h. Daten werden anlang ihrer zeitlichen Entstehen, chronologisch, interpretiert. Zu keiner Gelegenheit sind dabei Daten aus einem späteren Zeitpunkt zu nutzen, um einen Früheren zu erklären. Ihr zugrunde liegt die interaktionistische Strukturanalyse. a) Der interaktionistischen Aspekt. Die Lebenspraxis zwingt den Akteur zu Handlungen, ohne dass für die konkrete Handlung selbst eine Begründung bekannt ist. Das Handeln gilt also nicht als vornherein determiniert, deswegen ist ein permanentes Entstehen neuer Handlungen möglich. b) Der Struktur Aspekt. Auch wenn neue Handlungen prinzipiell jederzeit entstehen können, bedeutet das nicht, dass diese als Zufällig anzusehen sind. Die Produktion neuer Handlungen vollzieht sich anhand sozial vorgedeuteter Bahnen, welche generell rekonstruierbar sind. Weiterhin ist zu beachten, dass die Sequenzanalyse lediglich für Einzelfälle nutzbar ist. Standardisierte und großflächige Erhebungen werden aus methodologischen Gründen abgelehnt, dabei ist ein radikales und unvoreingenommenes sich-einlassen auf den Fall nötig.

Warum Sequenzanalyse?

Die Sequenzanalyse wird vor allem dann verwendet, wenn es um die Deutung der Tiefendimension/der latenten Strukturen geht. Der Vorteil dieser herangehensweise liegt in der Aufwendigkeit und Unhandlichkeit der Methode. Was zunächst Paradox klingt, führt uns, wenn strikt durchgeführt wird, zur “Zerstörung der eigenen Vorurteile” und weg vom Raum alltagsweltlicher Interpretation. So brechen alle geltenden Vorurteile, Urteile, Meinungen und Ansichten in der Regel schnell zusammen. Jedoch bleibt es wichtig, den Vorgang des eigenen Deutens mit soziologischem Blick selbst zu betrachten. Denn, Interpretative Soziologie ist auch immer die Soziologie des Interpretierens.

Voraussetzung für empirisches Vorgehen (Prinzipien der Sequenzanalyse)

Die Bedeutung von sozialen Interaktionen wird regelgeleitet von den Mitgliedern einer Sprach- und Interaktionsgemeinschaft produziert. Wer Mitglied einer solchen Gemeinschaft ist, der kann Bedeutung sowohl gültig Konstruieren, als auch Rekonstruieren. Als Begünstigend hat sich dabei die gemeinsame Interpretation erwiesen (Prinzip der Gruppeninterpretation). Die Interpretation selbst sollte abseits von einer gewissen zeitlichen Komponente vollzogen werden. Der Handlungsdruck der Interpretierenden gilt aufgelöst zu werden, d.h. die Analyse findet ohne Zeitdruck statt (Prinzip der Entlastung vom Handlungsdruck). Das zu interpretierende Material ist in seiner gesamtheit wahrzunehmen. Es ist anzunehmen, dass kein Detail im zu analysierenden Text als unwichtig oder gar zufällig gilt (Prinzip der Totalität). Die Interpretation selbst wird Zug um Zug, also Sequenz für Sequenz, vollzogen (Prinzip der Sequentialität). Außerdem ist Kontextwissen über die Persönlichkeitsstruktur der Beteiligten auszublenden (Prinzip der Kontextfreiheit).

Vorgehen bei der Sequenzanalyse

Die generelle Vorgehensweise beschreibt sich sehr simpel: Man nehme das zu interpretierende Transkript, bzw. Material und beginnt mit der Interpretation der ersten Einheit. Was dabei als eigentliche Interpretationseinheit, oder Sequenz, festgelegt wurde gilt eher als ein sekundäres Problem. Bei der Interpretation gilt es verschiedene Lesearten zu produzieren: Der Beginn der Interaktion wird betrachtet und gedankenexperimentell möglichst viele Kontextbedingungen entwickelt, die die Äußerungen verständlich und pragmatisch sinnvoll erscheinen lassen. Als Leseart kann man so gesehen “sinnergebende Geschichten” verstehen. Lesearten repräsentieren unterschiedliche Aktualisierungen von Handlungsregeln und deren Geltungsbedingungen. In einem nächsten Schritt werden die implizierten Handlungsregeln der einzelnen Lesearten nun expliziert ausbuchstabiert. Ziel hier ist das Aufzeigen des gesamten möglichen Handlungsraumes des Handlungssystems. “Je ausführlicher die latente Sinnstruktur des ersten Interakt bestimmt worden ist, desto deutlicher und konturierter läßt sich in der sequentiellen Analyse das den Fall abdeckende, spezifische Interaktionsmuster herauskristalisieren.” (Oevermann et al. 1979, S.420) Im letzten Schritt werden die aufgestellten Regeln überprüft und falls möglich ausgeschlossen. Wichtig ist hier die Frage danach, welche Regeln tatsächlich verwirklicht wurden, und welche nicht. Aufschlussreich für das Material ist hierbei nicht allein, welche Lesearten sich als kompatibel mit dem im Material gegebenem Kontext erwiesen haben, sondern gerade, welche am Ende ausschieden. Anschließend wird sich der nächsten Sequenz gewidmet und das Vorgehen wird wiederholt: Leseartproduktion, Explikation der pragmatischen Implikationen, Vergleich mit empirischer Realisierung, Ausschluss von Lesearten. Dabei werden nur Lesearten verfolgt, die sich auch mit vorherigen Sequenzen kompatibel erweisen haben. Über Zeit werden die aufgestellten Lesearten nach und nach ausgesiebt.